Die Tomatis Therapie – auch als Auditive Hirnstimulation oder Audio-Psycho-Phonologie (APP) bekannt – ist ein gezieltes Horchtraining, das auf den jahrzehntelangen Forschungen des französischen Hals-Nasen-Ohren-Arztes Prof. Dr. Alfred Tomatis basiert. In Wirklichkeit greift sie deutlich tiefer: Über das Innenohr werden mehrere Hirnnerven gleichzeitig angesprochen, darunter der Vagusnerv, der Trigeminusnerv und der Fazialisnerv. Genau dieser Mechanismus erklärt, warum die Methode Wirkungen weit über das Gehör hinaus zeigt – auf Aufmerksamkeit, Regulation, Schlaf, Sprache und das autonome Nervensystem. In meiner Praxis in Zürich biete ich diese Methode als Teil eines individuellen Begleitkonzepts an – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.
Prof. Tomatis konnte in seinen Studien zeigen, dass das Ohr weit mehr ist als ein passives Sinnesorgan: Es ist ein zentrales Steuerungsorgan für Aufmerksamkeit, Sprache, Gleichgewicht und sogar für die emotionale Regulation. Die Tomatis-Methode nutzt diesen Zusammenhang. Während einer Horchsitzung erhält das Gehirn über spezielle Kopfhörer akustische Impulse – gefilterte Musik, die abwechselnd verstärkte und abgeschwächte hohe und tiefe Frequenzen enthält. Die Übertragung erfolgt sowohl über die Luftleitung als auch über die Knochenleitung. Diese Art der Stimulation aktiviert das Gehör, das vestibuläre System und die mit ihnen verbundenen Hirnareale. Das Ziel: die auditive Verarbeitung zu trainieren und neue Nervenverbindungen anzuregen.
(1920–2001) war französischer HNO-Arzt und Sohn eines bekannten Opernsängers. Er studierte Medizin und Psychologie und führte ab Mitte der 1940er Jahre in Paris eine HNO-chirurgische Praxis.
Nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchte er im Auftrag der französischen Luftwaffe den Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und Hörschäden bei Piloten. Dabei machte er eine zentrale Beobachtung: Die gemessenen Hörschwellen werden nicht allein vom Ohr bestimmt, sondern auch durch psychische und neuronale Faktoren.
Über Jahrzehnte erforschte Tomatis die Wechselbeziehungen zwischen Gehör, Stimme, Sprache, Psyche und Körperempfinden. Er erkannte das Ohr als zentrales Steuerungsorgan, das weit über das reine Hören hinaus an der Entwicklung des Menschen beteiligt ist. Auf dieser Grundlage entwickelte er die Audio-Psycho-Phonologie (APP), nach der heute weltweit über 250 Institute arbeiten.
Tomatis wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem 1951 mit der Ritterwürde für die öffentliche Gesundheit in Frankreich, 1958 mit der Goldmedaille für wissenschaftliche Forschung in Brüssel und 1995 mit dem Preis des Präsidenten der Republik Italien für sein wissenschaftliches Gesamtwerk.

Das Innenohr ist anatomisch dicht mit dem Hirnstamm verbunden – jener Region, in der die meisten Hirnnerven ihren Ursprung haben. Wenn wir das Ohr mit gezielt gefilterten Klangmustern stimulieren, beschränkt sich die Wirkung nicht auf den Hörnerv (Nervus vestibulocochlearis, VIII. Hirnnerv).
Über mechanische und neuronale Verbindungen könnten dabei auch weitere Hirnnerven funktionell mitbeteiligt sein:
Der Vagusnerv (X. Hirnnerv) Sein ohrnaher Ast – der Ramus auricularis – verläuft direkt im äusseren Gehörgang. Reize in diesem Bereich werden mit dem parasympathischen Nervensystem in Verbindung gebracht, also mit Herzfrequenz, Atemrhythmus, Verdauung und der Fähigkeit zur Selbstregulation. Genau hier liegt einer der Gründe, warum die Tomatis-Methode bei Stress, Angstzuständen, Schlafproblemen und autistischer Überreizung Effekte zeigen kann.
Der Trigeminusnerv (V. Hirnnerv) Er innerviert unter anderem den Musculus tensor tympani – einen kleinen Mittelohrmuskel, der durch die Klangimpulse rhythmisch beansprucht wird. Dadurch könnte auch das trigeminale System funktionell mit einbezogen sein, das eine wichtige Rolle bei sensorischer Verarbeitung und Aufmerksamkeit spielt.
Der Fazialisnerv (VII. Hirnnerv) Er steuert den Musculus stapedius – den zweiten Mittelohrmuskel. Über diese Verbindung könnte ein funktioneller Bezug zum Zusammenspiel zwischen Hören, Mimik und emotionalem Ausdruck bestehen.
Das vestibuläre System Das Gleichgewichtsorgan ist anatomisch Teil desselben Innenohrs und wird über die Knochenleitung mitstimuliert. Das erklärt Wirkungen auf Koordination, Körperwahrnehmung und Tonusregulation.
Dieses mehrschichtige Wirkmodell unterscheidet die Tomatis-Methode von rein passivem Musikhören.


Das technische Kernstück der Methode ist das von Tomatis entwickelte „Elektronische Ohr“ – ein Gerät, das Klang individuell filtern und modulieren kann.
Verwendet werden klanglich besonders reichhaltige Quellen:
Weil die Methode auf mehrere Ebenen gleichzeitig wirkt, ist ihr Anwendungsbereich breit. Sie kommt im Rahmen eines individuellen Konzepts und nach einem ausführlichen Horchtest zum Einsatz.

Bei Erwachsenen


Das Horchtraining verwendet die Auditive Hirnstimulation nach den Prinzipien von Prof. Tomatis zur Bildung neuer Nervenverbindungen im Gehirn.
Das Training beginnt stets mit einem psychologischen Horchtest. Aus diesem Test kann die Therapeutin psychologische, physiologische, neurologische und pädagogische Merkmale ablesen. Wird untersucht nicht wie ein Audiologe, ob das Ohr richtig funktioniert, sondern wie bereit oder reif das Gehirn ist, um bestimmte Botschaften einzulassen. Dazu wird die Luft- und die Knochenleitung gemessen.
Während der ersten Besprechung erörtert die Therapeutin mit dem Patienten den voraussichtlichen weiteren Therapieverlauf auf der Grundlage des Horchtests.
Während der Horchsitzungen:
Während der Horchsitzungen bieten sich kreative Tätigkeiten (Basteln, Zeichnen, Malen usw.) oder Spiele (Puzzle, Gesellschaftsspiele usw.) an. Sie dürfen beim Horchen ebenfalls schlafen, denn Schlaf wirkt sich garantiert nicht nachteilig auf die Behandlung aus.
Von Aktivitäten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen beim Horchtraining rate ich ab, da sich diese genau wie Essen oder Trinken negativ auf die Behandlung auswirken können.
Der Gebrauch von elektronischen Geräten (Smartphone, Tablet, Laptop, Spielkonsolen usw.) ist untersagt, denn auch er kann sich nachteilig auf die Therapie auswirken.
empfiehlt es sich unbedingt, sich körperlich zu bewegen. Auf diese Weise wird das Gehirn gut mit Sauerstoff versorgt und die Methode kann ihre stimulierende Funktion voll entfalten.
Am Anfang einer Therapie steht der psychologische Horchtest (TLT = Tomatis-Listening-Test). Im ersten Moment erinnert dieser Test und das Testgerät an die Erstellung eines Tonschwellenaudiogramms bei einem HNO-Arzt. Dieser überprüft das allgemeine Hörvermögen unter Optimalbedingungen und möchte klären, ob beispielsweise eine Hörgeräteversorgung notwendig ist. Der Horchtest jedoch verfolgt ein anderes Ziel und fragt zusätzliche Parameter ab, um Hinweise auf das Hörwahrnehmungsverhalten im Alltag zu gewinnen.

Luftleitungshörschwelle (LL)
Knochenleitungshörschwelle (KL)
Überhörfehler bei LL und KL
Tonhöhenunterscheidungsvermögen (Selektivität)
Auditive Lateralität
Motorik und Gleichgewicht
das Verhalten (emotionaler Rückzug, Ängste, fehlendes Selbstbewusstsein, Unruhe, Aggressivität, Wohlbefinden, Ausgeglichenheit)
Fähigkeit, analytisch zu hören (horchen) 
Sprachverarbeitung
Konzentrationsfähigkeit oder Ablenkbarkeit
Ermüdbarkeit oder Vitalität
eher depressive oder dynamische Veranlagung
In allen diesen Bereich kann die auditive Hirnstimulation grosse Verbesserungen bewirken. Basierend auf dem Horchtest, der Anamnese, und dem Problem des Getesteten wird ein individuelles Therapieprogramm erstellt. Fortschritte werden durch regelmässige Kontrolltests geprüft und das Programm der veränderten Hörweise angepasst.
Wie sieht die ideale Hörkurve aus?

Das Hören über die Luftleitung (weitergeleitete Vibrationen des Trommelfells) ist gleich oder besser als das Hören über die Knochenleitung.
Die Selektivität beider Ohren muss „offen“ sein.
Die Dominanz des rechten Ohres als „Leitohr“ muss vorhanden sein.
Das Prinzip der Hirnstimulation besteht darin, die Phasen der Gehörentwicklung erneut zu durchlaufen, um eine reibungslose Integration von Gehör und Gleichgewicht zu erzielen.
Da laut Prof. Tomatis der Fötus im Mutterleib vornehmlich die hohen Frequenzen der Mutterstimme hört, werden zunächst die tiefen Frequenzen verstärkt aus der Musik ausgefiltert. Prof. Tomatis‘ Theorie der Mutterstimme wurde durch die wissenschaftliche Studie der Universität Stanford belegt, genannt „Neural circuits underlying mother’s voice perception predict social communication abilities in children“ [der Wahrnehmung der Mutterstimme zugrundeliegende neurale Kreisläufe sind prädiktiv für die Kommunikationsfähigkeiten von Kindern].
Nach der „akustischen Rückführung“ in die pränatale Horchphase wird der Hörwahrnehmungsprozess wiederholt, als würde er sich im Mutterleib abspielen. Die Musik bzw. Mutterstimme enthält Frequenzen über 6.000/8.000 Hertz. Besonders diese Phase, in der das Gehörte hochgefiltert wird, initiiert bei Kindern häufig psychologische Prozesse. Beispielsweise verspürt das Kind den Wunsch, ganz nahe bei seiner Mutter zu sein oder legt Verhaltensweisen an den Tag, die man bereits überwunden wähnte.
Wiederum im Vergleich mit der Geburt sprechen wir von der “akustischen Geburt”, wenn in der nächsten Phase die tiefen Frequenzen der schrittweise hergestellt werden, bis die Stimme oder die Musik ungefiltert und folglich “normal” gehört wird. Dieser Prozess stellt den Übergang von der gefilterten akustischen Wahrnehmung im Fruchtwasser des Mutterleibs zur Klangübertragung in der Luft dar. Alle bisherigen Etappen bis zum Ende der akustischen Geburt gehören zur passiven Phase der Therapie.
Wenn die Mutterstimme nicht verfügbar ist (beispielsweise bei Adoption oder wenn die Mutter verstorben ist), kann Musik von Mozart als nicht emotionale Mutterstimme verwendet werden. Die Musik von Mozart eignet sich hierfür perfekt, wie Professor Tomatis es in seinem Buch „Warum Mozart” beschrieb. Die Musik von Mozart ist besonders reich an hohen Frequenzen, die wir benötigen, um eine starke Wirkung zu erzielen. Zudem ist der Rhythmus dieser Musik derselbe wie der Herzschlag eines Föten.
Die frisch geknüpften Nervenverbindungen im Gehirn aus der passiven Phase werden in der aktiven Phase in die Wirklichkeit umgesetzt. Hierzu lesen die Kinder am Mikrofon aus einem Buch vor, sprechen Wörter oder Sätze nach oder können singen. Beim Erlernen einer Fremdsprache tauchen wir die Person in ein „Klangbad“, um ihr Ohr und Gehirn für die Frequenzen der betreffenden Sprache zu öffnen. Abhängig von der Problemstellung kommen zusätzlich Übungen mit einem Logopäden oder motorische Übungen zum Programm hinzu.
Im Zuge der weiter fortschreitenden Globalisierung ist das Beherrschen von Fremdsprachen sehr wichtig. Sprachbegabung ist in erster Linie die Fähigkeit, sein Ohr auf die Frequenzen einer fremden Sprache einzustellen.
Das Ohr ist grundsätzlich offen für ein breites Spektrum an Frequenzen und kann eine Vielzahl von Rhythmen erfassen. Im Laufe der Entwicklung passt sich das Ohr jedoch an die muttersprachlich bedingte Hörweise an. So bevorzugen verschiedene Sprachen auch verschiedene Frequenzbereiche. Der Engländer benutzt beim Sprechen vor allem die Frequenzen von 2000 bis 12000 Hertz, der Franzose die von 100 bis 300 Hz und 1000 bis 2000 Hz, die meisten slawisch sprechenden Menschen wiederum von 100 bis 12000 Hz, der Deutschsprachige von 100 bis 3000 Hz. Demzufolge gibt es ein „englisches“, ein „französisches“, ein „slawisches“ oder ein „deutsches“ Ohr, denn der Mensch kann nur die Frequenzen sprechen, die er auch hört (Tomatis-Gesetz).
